: „A Single Man“
Der Modemacher Tom Ford hat einen traumschönen Film nach dem Roman „A
Single Man“ von Christopher Isherwood gedreht - wie maßgeschneidert für Colin
Firth.
Das Schöne am Kino ist, dass manchmal schon die Art, wie jemand an seiner
Zigarette zieht, genügt, um sich in einen Film zu verlieben. Oder wie einer
einen Anzug trägt. Wobei es natürlich sehr hilft, wenn dieser Anzug von
jemandem wie Tom Ford so geschneidert wurde, dass er wie 1962, aber nicht nach
Kostümfilm aussieht. Dass man hinterher sofort so angezogen sein möchte wie
Colin Firth als „Single Man“, kann nur gegen den Film verwenden, wer nicht
verstanden hat, dass die Mode zu den Künsten gehört, zu denen das Kino eine der
innigsten Beziehungen pflegt.
Tom Ford ist der Mann, der in den Neunzigern Gucci runderneuert hat und für
das Outfit von Daniel Craig als Bond verantwortlich war. Die Idee, Christopher
Isherwoods legendären Schwulenroman zu verfilmen, hat er lange vor sich
hergetragen, ehe er so weit war, das Projekt wirklich in Angriff zu nehmen.
Herausgekommen ist ein Film, der gar nicht leugnen will oder kann, dass er von
einem Modemacher in Szene gesetzt worden ist. Jede Einstellung ist eingerichtet
wie ein Schaufenster, das Ganze eine einzige große Modestrecke, und natürlich
ist das kein besonderes filmisches Verfahren, aber eben eines, das der
Schaulust stark entgegenkommt.
So wie in der Mode auf Gesichter für Kampagnen gesetzt wird, so hat Ford
für diese Herzenangelegenheit von einem Film auf Colin Firth gesetzt und
gewartet, bis er verfügbar war. Dieses Casting ist nicht so sehr ein Coup, weil
die Wahl so überraschend wäre, sondern weil sie als einzig mögliche erscheint.
Firth spielt George Falconer, einen englischen Literaturprofessor, der seit
Jahren an einem College in Los Angeles lehrt und beschlossen hat, sich
umzubringen, weil der Verkehrstod seines langjährigen Lebensgefährten eine
Leere hinterlassen hat, über die er nicht hinwegkommt.
Der Mann, der aus dem Stoff ein Ereignis macht
Wenn der Film beginnt, sieht man noch mal die Szenerie des Unfalls und wie
George sich hinabbeugt, um die Lippen seines toten Freundes zu küssen - doch
dann erwacht er aus diesem Albtraum in einen weiteren Tag, dem er durch seine
Gewohnheiten und Rituale eine weiterhin perfekte Form zu verleihen versucht,
obwohl ihm doch der Inhalt längst abhandengekommen ist. Und Colin Firth ist
genau der Mann, der daraus ein Ereignis macht, wie jemandem, dem das Wahren der
Fassung zur zweiten Natur geworden, der Sinn hinter den Dingen entglitten ist.
Er schafft es, durch diese Welt zu wandeln und sie mit einer Zärtlichkeit zu
berühren, die aus dem Wissen um die flüchtige Schönheit der Dinge rührt und aus
der Trauer, bei der Berührung nichts mehr zu empfinden. Insofern ist „A Single Man“
durchaus ein Wiedergänger von Louis Malles „Irrlicht“, in dem Maurice Ronet
einen letzten Tag unter den Lebenden verbringt, nachdem er beschlossen hat,
seinem Leben ein Ende zu setzen.
Das sind natürlich alles andere als Empfindungen, für die man mit dem Oscar
ausgezeichnet wird, und so ist es schon erstaunlich genug, dass Firth immerhin
nominiert war. Und das hat wahrscheinlich mit jener Großaufnahme zu tun, bei
der man ihn in einer Rückblende sieht, wie er am Telefon vom Tod seines
Freundes erfährt und ihm beschieden wird, dass die Familie auf seine
Anwesenheit bei der Beerdigung keinen Wert lege - wie er versucht, die Fassung
zu wahren, wie er seine versagende Stimme zur Disziplin zwingt und wie ihn nach
dem Ende des Gesprächs dann die bleierne Gewissheit in den Sessel drückt und
seine Augen überlaufen lässt, während es draußen in Strömen regnet, ist so
erschütternd, dass es quasi alles beglaubigt, was den Film sonst nur an der
Oberfläche zu bewegen scheint.
Ein Brodeln unter der gepflegten Erscheinung
Denn wenn es in Los Angeles so etwas wie Jahreszeiten gäbe, dann wäre hier
alles ins goldene Licht des Herbstes getaucht, aber weil eben die Natur für
dieses letzte Glühen der Farben nicht zur Verfügung steht, sind es die
Oberflächen, die immer wieder einen farbigen Glanz ausstrahlen, als wollten sie
im nächsten Moment vergehen. Und Ford und sein Kameramann Eduard Grau sind sich
auch nicht zu fein dafür, diesen Effekt immer wieder zu betonen, indem sie auf
ihrer entsättigten Palette gedämpft kühler Töne gelegentlich Farben erblühen
lassen, die Lippen einer Frau, die Wange ihres Freundes, das Kleid eines
Mädchens oder das Licht über der Stadt.
Tom Ford drückt dabei manchmal ganz buchstäblich auf die Tube. Wenn ein
junger Mann mit George flirtet, dann parkt sein Mercedes nicht nur genau
zwischen den Augen eines Posters für Hitchcocks „Psycho“, sondern die ganze
Szenerie färbt sich auf eine Weise purpurn, als seien die Zeiten von
Technicolor noch in voller Blüte. Das wirkt vielleicht maniriert, aber andererseits
sind es eben solche bildlichen Exzesse, die einen Eindruck davon vermitteln,
dass unter der durch und durch gepflegten Erscheinung dieser elegischen Welt
des Jahres 1962 bereits etwas anderes brodelte, was als Pop die Zukunft in ein
ganz anderes Licht rückte. Und wenn in der schönsten Szene Colin Firth und
Julianne Moore zu „Green Onions“ von Booker T tanzen, dann ist das auch
deswegen so herzzerreißend, weil den beiden klar ist, dass sie mit dieser Musik
schon nicht mehr gemeint sind.
Quelle:
F.A.Z. - Von Michael
Althen
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