Die
emotionale Bejahung eines "anderen" Deutschland mit stark
muslimischen Anteilen ist ein sehr deutsches Selbstgenuss-Abenteuer – Pegida
hingegen muss man eher als europäisches Phänomen betrachten.
Der Flüchtlingskrise hätte es gar nicht bedurft. Ohnehin legen wir uns alle
paar Jahre wieder, wenn irgendwo am Horizont ein Problem auftaucht, die Frage
vor: "Was ist deutsch?" Was der linksliberale Mainstream dazu sagt,
ist klar:
Erst
diskreditiert er unter Aufbietung erheblichen Scharfsinns die Frage als solche.
Dann kommt er anhand von vielen Beispielen zu dem Schluss: Das Deutsche gibt es
nicht. Es ist eine Fiktion der Rechten, Ewiggestrigen, Konservativen,
Pedigisten und wie die Feinde alle heißen.
Und eben dies
ist schon mal auf alle Fälle sehr, sehr deutsch. Diese Negierung nationaler
Eigentümlichkeiten bei gleichzeitiger Verächtlichmachung derjenigen, die
glauben, sagen zu können, was deutsch ist und was nicht, ist in Europa absolut
einzigartig.
Und gerade
weil das Deutsche daran den Negierern nicht bewusst ist, ist es, wie alles
Verdrängte, Uneingestandene, ungut. Man kann hier auch getrost von negativem
Nationalismus sprechen, denn auf eine Inanspruchnahme intellektueller oder
moralischer Höherwertigkeit läuft es bei den Verfechtern der These "Das
Deutsche gibt es nicht" meist hinaus.
Diese
Koketterie mit der Inexistenz des Deutschen hat hierzulande Tradition. Unsere
geografische Zersplitterung, das verspätete nationale Zu-sich-selber-Kommen
spielen dabei eine große Rolle. "Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß
das Land nicht zu finden", orakelte schon Friedrich Schiller, der sich
tatsächlich in erster Linie als Württemberger, dann aber auch als Weltbürger
sah.
Auch sehr
deutsch: Man macht sich gerne kleiner oder größer, als man ist. Balance, Mitte,
realistische Einschätzung des eigenen Ortes gelten wenig. Und angesichts des in
Auflösung befindlichen Reiches und der Herrschaft Napoleons über Europa wird
man es Schiller auch nicht übel nehmen, dass er sich schwer tat zu bestimmen,
was deutsch und Deutschland seien.
Auch sein
Nachsatz zu dem viel zitierten Diktum ist interessant: "Wo das gelehrte
beginnt, hört das politische (Deutschland) auf." Genau!
Und man kennt
selbstverständlich auch die Missbrauchsgeschichte der Deutschzuschreibungen.
Sie beginnt nicht erst mit dem Nationalsozialismus. Deutsch ist also auch, mit
entsprechenden Zuschreibungen vermintes Gelände zu betreten. Zu unserem
Nationalcharakter gehört es, dass wir uns mit uns selber schwertun. Dazu hat
Goethe das Entscheidende gesagt. Thomas Mann ging noch einen Schritt weiter und
brachte den Ambivalenzbegriff ins Spiel.
Er, der in
seiner epochalen Vergangenheitsbeschau, dem Roman "Doktor Faustus",
eine groß angelegte nationale Fantasie über "Deutschsein als
Verhängnis" schrieb, behauptete, dass noch in den schönsten
Hervorbringungen der deutschen Kultur eine "barbarische
Unterströmung" zu finden sei.
Aber bleiben
wir für einen Moment bei diesen Hervorbringungen. Hier kommt nun regelmäßig die
deutsche Musik, Literatur, Philosophie ins Spiel – und zwar in jener Epoche,
die der Germanist Heinz Schlaffer als den zweiten Kreativitätsausbruch des
deutschen Geistes (nach der Sattelzeit um 1200) bezeichnet hat: Klassik und
Romantik.
Beide sind
übrigens ebenfalls sehr deutsche Erscheinungen, vor allem wenn man bedenkt,
dass sich mit der Klassik ein humanistisches Erziehungsprogramm und mit der
Romantik ein das Vorrationale und Imaginäre rehabilitierendes ästhetisches
Großprojekt verband. Das haben andere Europäer mit ihrem
Schmalspur-Klassizismus und ihrer Gefühlsseligkeits-Romantik nicht. Man
vergleiche André Chénier mit Friedrich Hölderlin. Rossini mit Schubert.
Aber ist das
nicht alles sehr rückwärtsgewandt und noch dazu auf einen kulturellen Höhenkamm
bezogen, an dem schon immer nur sehr wenige Deutsche Anteil hatten? Ja und
nein. Ja insofern, als man eine Nation natürlich nicht in eins setzen kann mit
ihren künstlerischen Gipfelleistungen.
Nein aber
auch, weil gerade die spirituell-philosophisch-moralische Aufladung von Kunst,
die für Deutschland typisch ist (Stichwort Kunstreligion) dazu geführt hat,
dass diese Gipfelleistungen und ihre geistige Ausrichtung tief in unsere
mentalen Muster eingesickert sind. Diese Dynamik, die man auch als
Säkularisierung bezeichnen kann, hat vor allem Max Weber sehr eindringlich am
Beispiel des "Kulturprotestantismus" beschrieben.
Und damit
sind wir auch schon in der Gegenwart. Was haben wir denn in der
Flüchtlingskrise (bisher) erlebt? Ein geradezu bilderbuchmäßig anschauliches
Erwachen aller deutschen Geister in ihrer ganzen Ambivalenz. Als Erstes das
glühende humanistische Pathos, auf das wir uns so gut verstehen, eine
Willkommenskultur, die sich fast rauschhaft und ganz im Sinne Schillers
("Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!") in
beseeligende Erfahrungen der Hilfeleistung gießt.
Dann eine Kanzlerin, die endlich einmal ihre christliche
Barmherzigkeitsprägung voll ausspielen kann und im Hochgefühl der Begeisterung
ein optimistisches "Wir schaffen das" ausstößt, mit dem sie ja nicht
zuletzt auch Goethes "Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten, nimmer sich
beugen, kräftig sich zeigen rufet die Arme der Götter herbei" fortschreibt
und variiert.
Kann da
verwundern, dass im Taumel des nationalen Alleingangs sich nahezu unser ganzer
Kontinent, zumindest alle Nachbarn verprellt zeigen?
Auch unser
altes Bedürfnis nach Erlösung aus dem Deutschsein, dieser heiße Wunsch, alles
niedrig Nationale hinter uns zu lassen, im Weltbürgertum aufzugehen und uns in
der Verschmelzung mit anderen Kulturen zu reinigen – auch dies feiert fröhliche
Urstände.
Es rückt
durch die Zuwanderung der Syrer und anderer
Menschen, von denen wir sagen, sie sähen so "nordafrikanisch" aus, in
greifbare Nähe. Und ist es nicht ein ganz besonderer Reiz, dass sich in ihnen
das Gewalttätige mit dem Fremden, ja Exotischen mischt, mit der Dynamik junger
Völker, junger Männer? Der Angstlust sind keine Grenzen gesetzt.
Nein, diese
ganze hoch emotionale Bejahung eines "anderen", zukünftigen
Deutschland mit stark muslimischen Anteilen, das sich seit dem letzten Sommer
schemenhaft abzeichnet, ist ein ganz und gar deutsches Selbstgenuss-Abenteuer,
es fehlt eigentlich nur noch ein Komponist vom Schlage Richard Wagners, der es
in ganz große Oper überführt.
Die
skizzierten Reaktionen sind im Übrigen auch viel deutscher als die des
hasserfüllten "Dunkeldeutschland", das durch die nächtlichen Gassen
Dresdens zieht. Pegida muss man eher als ein europäisches Phänomen betrachten,
in seiner Ressentimentkultur vergleichbar den
trüben Volksfesten des Front National, der wahren Finnen oder wie diese
Bewegungen alle heißen.
Von Tilman Krause
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