Mittwoch, 3. Februar 2016

03.02.2016 - Einfach erzählen

Journalisten in Romanen und Filmen haben meist wenig mit echten Journalisten gemein. Sie werden zu Helden verklärt oder als Parasiten karikiert.

Jetzt las ich ein Buch, in dem versucht der Autor etwas geradezu Revolutionäres zu zeigen – er schildert Reporter als durchschnittliche Menschen. Sie gehen morgens müde zur Arbeit und abends müde nach Hause, sind so engagiert, so faul, so geduldig wie etwas Automechaniker oder Floristen.

Sie haben einfach einen Job zu erledigen. In diesem Roman macht ein 

Journalisten-Team in der deutschen Provinz sich auf, den Hinweisen in einer mittleren Stadt nachzugehen.

Es geht um Hinweise, dass die katholische und protestantische Kirchen der Stadt über Jahre systematisch Fälle von Kindesmissbrauch gedeckt und verschleiert. Vor allem bei den jährlichen Sommerfreizeiten.
Ein Skandal, besonders in einer Stadt, die stolz ist auf ihre liberale Tradition – auch in religiösen Bereichen. Das Establishment – bei 100.000 Einwohner sind es rund 200 bis 500 Personen – eng verzahnt zwischen den beiden Volkskirchen. Der Verlag, das die Tageszeitung und andere Blätter herausgibt, gehört dazu.

Der junge Redakteur, der das Team leitet, stürzt sich auf den Fälle - und rennt gegen eine Wand des Schweigens und der Lügen.

Ein Skandal, vom dem jeder Journalist träumt, der aber auch jeden Journalisten ängstigt, wenn er damit konfrontiert wird.

Die Reporter mussten sich fragen, wie ihren der Missbrauch in der Stadt so lange entgehen konnten, ob sie selbst nicht sehen wollten, was offensichtlich war.

Das Buch erzählt nach einer wahren Geschichte. Aber es kein Buch der großen Anklagen und Gouvernanten-Kommentare, ohne schockierende Wendungen, ohne die große Anklage.
Trotzdem -  selten las ich ein so packendes und ehrliches Buch über die Arbeit von Journalisten.

Eine große Geschichte braucht keine großen Gesten und großen Worte. Sie braucht nur jemanden, der sie so erzählt, was passiert ist.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen