Ein Schmähwort für alle Gelegenheiten!
Demokratie heißt „Volksherrschaft“ und populus „das Volk“. Wo ist der Vorwurf?
Und wer zieht die Grenzen?
Die AfD wird des Populismus beschuldigt, oft auch die
CSU und neuerdings Julia Klöckner von der CDU. Dazu Frankreichs Front National,
die Schweizerische Volkspartei, die Lega Nord in Italien, die neue
Mehrheitspartei in Polen, in Holland Geert Wilders, in den USA Donald Trump.
Und bei uns von alters her die Bildzeitung.
Kurz: Die Welt ist offensichtlich voll von Populisten
– arm aber an Leuten, die mal über den Wortsinn nachgedacht haben. Wer die
Definitionen im Duden studiert, hat ein bisschen Mühe, im „Populismus“ das
Schimpfliche zu erkennen. Populismus ist danach eine „opportunistische,
volksnahe, oft demagogische Politik“, die das Ziel habe „die Gunst der Massen
zu gewinnen“.
„Volksnah“ – was spricht dagegen?
Ein bisschen kurios klingt das schon: um die Gunst der
Massen ringen – ist nicht eben dies das völlig legitime Bestreben aller
Politiker und Parteien? Und „volksnah“: Klingt das nicht sogar richtig gut in
einer Demokratie? So verschiebt sich die Frage darauf, wie man die beiden
anderen Eigenschaftswörter definiert: „opportunistisch“ und „demagogisch“.
Opportunismus, das ist, wieder dem Duden zufolge, „die
allzu bereitwillige Anpassung an die jeweilige Lage aus
Nützlichkeitserwägungen“. Das klingt wiederum nicht sehr verwerflich,
allenfalls das Wort „allzu“ ausgenommen. Aber wo fängt „allzu“ an? Und wer hat
das Recht, es zu definieren?
Und wie schlimm ist eigentlich
„Volksverführung“?
Wird der Vorwurf des Populismus wenigstens durch den
Bestandteil „demagogisch“ gestützt? Ja und nein. Demagogie, das ist laut Duden
„Volksverführung, Volks-aufwiegelung, politische Hetze“. In der Tat: Aufwiegeln
sollte man nicht und hetzen schon gar nicht.
Aber wieder ist die Grenzziehung nicht leicht: Wäre
ein demokratischer Wahlkampf denn diskreditiert, wenn man ihn als den Versuch
einer Partei bezeichnete, das Volk zu ihrer Meinung zu verführen? Und was die
Hetze angeht: Die betreibt, jedenfalls nach Meinung der Partei A, die Partei B
im Wahlkampf ziemlich oft.
Wenn also eine Partei eine andere des „Populismus“
bezichtigt, ist nur eines klar: Sie unterstellt, dass Wähler und Zeitungsleser
das Wort als Vorwurf, gar als Schmähung verstehen. Doch das ist unredlich und
überdies nicht sehr aussichtsreich: Wie hoch ist denn der Anteil der Wähler,
die mit dem Wort überhaupt eine Vorstellung verbinden, und wäre es eine
schiefe?
Kann das Modewort nicht einfach sterben?
Und wie sollten Journalisten sich gegenüber der
schillernden Worthülse verhalten? Wird der Vorwurf des Populismus in einer
Pressekonferenz erhoben, so könnten sie den Politiker auffordern: „Würden Sie
bitte erklären, was Sie damit meinen?“ Und vermutlich wäre ein Gestammel die
Folge.
Wäre der sogenannte Populismus jedoch nur Bestandteil
einer Rede oder einer Presseverlautbarung, so hätte der Redakteur selbstverständlich
die Freiheit, die entsprechende Passage unerwähnt zu lassen.
Ein Kommentator aber sollte dreimal stutzen, ehe er
schreibt, die AfD sei eine Partei „kleiner giftiger Populisten“ (wie kürzlich
die Süddeutsche). Wer Argumente hat, muss sie nicht dringend mit einer
ausgefransten Redensart garnieren, und wer keine hätte, dem würde diese nicht
viel weiterhelfen. Formelhafte Modewörter auszutrocknen: Das wäre ein Beitrag
zur politischen Kultur.
Von Wolf
Schneider
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