Montag, 9. Mai 2016

09.05.2016 - Charakter und Respekt

Es ist schon bemerkenswert, wenn Journalisten ihren kritischen Verstand nicht nur bei einer Partei abgeben – sondern gleich bei vielen.
 

Da jubelt heute ein Provinz-Schreiberling und freut sich, „wie schnell aus erbitterten Gegnern neue Partner wurden“. Gemeint ist die neue grünschwarze Koalition in Stuttgart.
 

Lügenpresse? Aber sicher. Denn selbst dieser Provinzler weiß ganz genau, dass der CDU-Ministerpräsident Teufel einst bei einem Grünen-Parteitag eine Rede gehalten. Und dass sein Nachfolger Oettinger am liebsten statt einer schwarzgelben eine schwarzgrüne Koalition geschlossen hätte.
 

Wenn ein Journalist so Tatsachen verschweigt, dann ist schlicht „Lügenpresse“ oder auch ekelhafte „Propaganda-Presse“. Manche Journalisten stecken in manchem Partei-Arsch so tief drin, dass nur noch ihre Füße herausragen - und sie fühlen sich dabei sehr wohl.
 

Aber es kommt noch schlimmer - mit den Jubelarien im warmen Darm: „Hätte sich die FDP der Ampelkoalition mit Grüne und SPD nicht verweigert, dann wäre die Union jetzt Oppositionspartei. Und hätte die SPD dem Werben von CDU und FDP nachgegeben, dann würde am Donnerstag Wahlverlierer Guido Wolf zum Ministerpräsidenten gewählt worden.“
 

Die anderen Wahlverlierer am 13. März 2016 wurden nicht erwähnt, sondern hochgejubelt – denn in den Augen des Provinz-Journalisten hatten die Sozialdemokraten „damit den Willen der Wähler respektiert“.
 

Soso. Aha! Mit 30 Prozent wird man vom Volk zum Sieger gewählt. Das kennt ich nur von Diktaturen. Für mich sind 30 Prozent keine Mehrheit - für Provinz-Schreiberlinge schon, wenn sie beim Schreiben ihre grünschwarzen Brillen aufgesetzt haben.
 

Der journalistische Provinz-Segen für die Sozis lautet: „Das zeugt von Charakter und verdient Respekt – auch das gibt es noch in der Politik.“
 

So sprechen normalerweise Mafiapaten - in schlechten Filmen.
 

Und wie sagen FDP und SPD zu grünschwarzen Koalition in Stuttgart?
 

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke über Grünschwarz: „Die CDU hat praktisch nichts erreicht. Das einzige, was sie jetzt als Trophäe vor sich her trägt, sind 1500 Polizeistellen.“
 

SPD-Vorsitzender Nils Schmidt befürchtet: „Mit Grün-Schwarz droht die Koalition der Spießbürger.“
 

Ist der Charakter und Respekt der Parteien, denen der Provinz-Schreiberling hochjubelt? Oder hat er seinen Kommentar auf dem WC geschrieben?
 

* Die Heilbronner Stimme hat doch zwei gute Kommentatoren: Peter Reinhardt und Karsten Kammholz. Die sind faktensicher, können logisch argumentieren, in einem guten Deutsch schreiben und ihre Artikel in einem guten Stil formulieren. Was will man mehr?

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