Dienstag, 6. Februar 2001
FEUILLETON DIE WELT
Seite 29
Ein Mann sieht rot
Norman Finkelstein über "Holocaust-Industrie" und
Gedächtniskultur in Deutschland und Amerika
Seite heute ist der amerikanische Politologe Norman Finkelstein in
Deutschland unterwegs, um sein umstrittenes Buch "Die
Holocaust-Industrie" (Literarische Welt v.3.2.) vorzustellen. Bei dem
schmalen Band handelt es sich um eine Polemik gegen jüdische Organisationen,
die nach Finkelsteins Ansicht mit gefälschten Daten und moralischem Druck
europäische Regierungen zu überzogenen Wiedergutmachungszahlen erpressen. Am
Vorabend seiner "European Book Tour" sprach Alan Posener mit Norman
Finkelstein.
DIE WELT: Wie fühlen Sie sich vor Ihrer Deutschlandreise?
Norman Finkelstein: Ängstlich. Für mich persönlich ist das ein wichtiger
Schritt. Ich möchte alles richtig machen, aber man kann den Ereignissen keine
Vorschriften machen. Ich muss mich also auf meine Intelligenz und meinen
politischen Instinkt verlassen.
DIE WELT: Sie bezeichnen den Holocaust als Ideologie.
Finkelstein: Genauer: als ideologisches Konstrukt, das ursprünglich den
Interessen der jüdischen Elite in Amerika diente und jetzt zu einem Instrument
der Bereicherung verkommen ist, zum Wiedergutmachungsschwindel.
DIE WELT: Beziehen Sie auch deutsche Organisationen in Ihre
Kritik ein?
Finkelstein: Zu deutschen Organisationen habe ich keine Kontakte.
Ich beschäftige mich mit dem Hauptfirmensitz der Holocaust-Industrie, also
den USA, mit dem World Jewish Congress (WJC) oder der Jewish Claims Conference
(JCC). Ich habe Saul Kagan von der JCC aufgefordert, mich zu verklagen; ich
habe Edgar Bronffman vom WJC aufgefordert, mich zu verklagen. Sie tun es nicht.
Ihre Stärke kann man aber daran ermessen, dass es in den USA so gut wie keine
Debatte über mein Buch gibt. Aber laut Amazon.com ist es in
Südamerika Nr. 1, in Mittelamerika Nr. 4, in Österreich Nr. 1, in der Schweiz
Nr. 3 und in Jordanien Nr. 5 auf den Bestsellerlisten und wird gerade in elf
Sprachen übersetzt.
DIE WELT: Nun muss der Erfolg gerade in Ländern wie Jordanien
oder Österreich nicht unbedingt für Ihr Buch sprechen.
Finkelstein: Ich behaupte nicht, dass die Kommentare überall positiv waren.
Gerade in Deutschland und - bis vor kurzem - in Großbritannien war die Presse
sehr kritisch. Aber in den USA gab es gar keine Bereitschaft, meine Thesen zu
diskutieren. Das Buch wurde einfach ausgeblendet.
DIE WELT: Es mutet etwas merkwürdig an, in Deutschland die "Holocaust-Industrie"
anzugreifen, während große Teile der deutschen Industrie bis heute nicht bereit
sind, in den Fonds zur Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter einzuzahlen.
Finkelstein: Ich bin nachdrücklich für die Entschädigung. Alles andere wäre
absurd. Ich bin froh, dass mein Vater bis zum Ende seines Lebens eine halbwegs
großzügige Rente von der deutschen Regierung erhielt. Aber ich bin ebenso
emphatisch gegen jede Abmachung mit den selbst ernannten Vertretern der Juden.
Denn erstens sind die von Organisationen wie der JCC vorgelegten Zahlen von
Überlebenden gefälscht, und zweitens wird die JCC nicht das Geld an die Opfer
verteilen, sondern selbst behalten. Das ist ein zweifacher Betrug.
Anfang der neunziger Jahre entdeckten diese Organisationen eine
Möglichkeit, europäische Regierungen
abzuzocken, und jetzt laufen sie Amok. Sie betreiben Erpressung, und sie
sollten als Kriminelle angeklagt und vor Gericht gestellt werden.
DIE WELT: Noch einmal: Der Angriff auf die
"Holocaust-Industrie" hat in Deutschland einen anderen Klang als
anderswo.
Finkelstein: Wichtig ist die freie, uneingeschränkte Diskussion.
Es darf keine Tabus geben. Ich bin kein Experte für deutsche Verhältnisse.
Aber der Wunsch nach politischer Korrektheit hat auch hier die Rezeption meines
Buches bestimmt.
Ich sympathisiere mit den guten Absichten der Deutschen, aber gute
Absichten haben schlechte Folgen. Bestimmte Individuen und Organisationen haben
den guten Willen der Deutschen für ihre eigenen üblen Zwecke ausgebeutet. Was
zum Beispiel Karl Brozik, Chef der JCC in Deutschland, über die
Anzahl der Holocaust-Überlebenden sagt, grenzt an Holocaust-Leugnung.
DIE WELT: Sie sind auch als Kritiker der amerikanischen
Gedächtniskultur hervorgetreten, die Sie als Teil des ideologischen Konstrukts
Holocaust betrachten. Wie stehen Sie zum Projekt des Mahnmals in Berlin?
Finkelstein: Ich habe gemischte Gefühle. Eigentlich stehe ich nicht auf
Architektur im stalinistischen Stil. Wir brauchen keine Monumentalbauten, so
wie wir im Film keine Spielberg-Extravaganzen brauchen. Je größer der Bau,
desto kleiner die Bedeutung. Da stimme ich dem ehemaligen Kulturstaatsminister
Michael Naumann zu, der vor einigen Jahren gesagt hat, es wäre der Erinnerung
dienlicher, die KZs zu erhalten.
Inzwischen hat er wohl seine Meinung geändert. In Japan erinnert man an den
Abwurf der Atombombe über Hiroshima, indem man Tauben aufsteigen und Laternen
den Fluss hinabtreiben lässt. Das finde ich sehr geschmackvoll.
Aber wie auch immer: Amerikaner haben kein Recht, den Deutschen zu
diktieren, wie sie an die Verbrechen erinnern sollen, die von einer deutschen
Regierung begangen wurden. Niemand hat das Recht, den Deutschen hier
Vorschriften zu machen. Sollen doch die Amerikaner daran erinnern, was den
Indianern und Schwarzen angetan wurde.
Sollen doch die Briten daran erinnern, was sie in Indien getan haben. Die
Franzosen, was sie in Algerien getan haben. Der Holocaust ist eine ideologische
Keule, mit der Deutschland in Schach gehalten wird. Eine billige Möglichkeit
für uns, der moralischen Verantwortung für unsere Verbrechen auszuweichen. Und
was Wiedergutmachung angeht, sollten wir anfangen, den Indianern zu zahlen, den
Schwarzen, den Südamerikanern, den Vietnamesen...
DIE WELT: Moment. Glauben Sie wirklich, dass sich Deutschland
diktieren lässt, wie es das Gedenken zu gestalten hat?
Finkelstein: Die Deutschen reagieren sensibel auf Kritik aus den USA. Die
wichtigsten amerikanischen Zeitungen haben über die Debatten zum Mahnmal und
zum jüdischen Museum berichtet und haben damit diese Debatten mitbestimmt. Aber
wenn Deutschland wirklich dem amerikanischen Vorbild nacheifern will, müsste es
im Zentrum Berlins ein Museum für die Indianer errichten, so wie die USA in
Washington ein Holocaust-Museum errichtet haben.
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