Harry Mergel
Oberbürgermeister
Rathaus – Marktplatz 7
74024 Heilbronn
15. April 2016
Betrifft: Ihre
Rede bei der Eröffnung des neuen Studio von Radio TON am 14.04.2016
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
ich habe gehört, dass Sie in Ihrer Rede vor der Radio-TON-Mannschaft und den geladenen
Gästen zur Eröffnung des neuen Studios auf die Anfänge von Radio Regional Heilbronn im Jahre 1987 kamen.
Und von der Mannschaft 1987 erwähnten Sie die Namen
Frank Dignaß und Jürgen Dieter Ueckert. Und dass wir damals stundenlang
Sendungen präsentiert haben – zum Beispiel über das Theater.
Auch wenn Sie offenbar neckisch den Eindruck
vermitteln wollten, wir wären nur eine Gruppe von dummen und provinziellen
Deppen, die sich dilettierend am privaten
Radio versuchten (im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk – wie
Sie damals mit großer Liebe deutlich machten), so habe ich in meiner
Erinnerung, dass wir durch unsere Arbeit dem öffentlich-rechtlichen Radio bei
uns in Baden-Württemberg heftig Kopfschmerzen bereitet hatten.
Meine Kontakte zum SDR
hatten mir das immer wieder durchaus glaubhaft vermittelt.
Denn - ich hatte seit 1974 beim Südfunk ein Praktikum gemacht. Danach hatte ich in Stuttgart beim SDR eine Sprecherausbildung bekommen - und in vielen SDR-Seminaren das Rundfunk-Geschäft von der Pike an kennengelernt. Ich habe bis
1987 beim Süddeutschen Rundfunk
gearbeitet – und das sehr gern.
Ich bin jedoch auch gern zu Radio-Regional-Heilbronn gegangen, weil ich in meinem Arbeitsleben
liebte, „Neuland“ zu erobern. Und ich freute mich 1987 darauf, als einer der
Pioniere beim Erschaffen der Privat-Radio-Landschaft in Deutschland mitarbeiten
zu dürfen.
Das war jene Zeit, in der Sozialdemokraten und
Gewerkschaften verbittert gegen die Veränderungen bei den Ladenschlusszeiten, gegen
die erste Postreform (1989 – zuvor: kein Telefongerät
erwerben, nur mieten, etc.) und gegen die Veranstaltungen von privaten Radio-
und Fernseh-Sendungen, bzw. gegen Einrichtungen von privaten Radio- und TV- Gesellschaften gekämpft
hatten. Reste des deutschen Obrigkeitsstaates, der seine Bürger als unmündige
Kinder behandelt – wie eine gestrenge Gouvernante.
Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie Sie gegen
diese notwendigen Reformen als sozialdemokratischer Politiker zu Felde zogen.
Bei Radio-Regional-Heilbronn wurden mit einer sehr
kleinen Mannschaft jeden Tag von montags bis freitags drei aktuelle
journalistisch-aufbereitete Magazine angeboten (7 bis 8 Uhr, 12 bis 14 Uhr, 17
bis 20 Uhr), samstags von 7 bis 8 Uhr, 12 bis 14, 18 bis 20 Uhr, sonntags von
18 bis 20 Uhr.
Journalismus im Privatradio? Das war keineswegs
selbstverständlich – in der neuen Privat-Radio-Landschaft Deutschlands. Diesen
Radio-Journalismus verdankten wir „unsere Mutter“, das Verlagshaus Heilbronner Stimme, in der Verleger
Frank Distelbarth entschieden darauf achtete, dass kein Dudelfunk bei Radio-Regional-Heilbronn entstehen
konnte.
Zum Radio-Journalismus von Radio-Regional-Heilbronn gehört auch: die Redaktion präsentierte
stündlich eine Fünf -Minuten-Nachrichten-Sendung, zur halben Stunde Regionalnachrichten von zweieinhalb
Minuten – und eine Zehn-Minuten-Zusammenfassung der wichtigsten Meldungen des
Tages gegen 22 Uhr.
Samstags wurde eine Stunde lang eine (aus
journalistischer Sicht) interessante Person in der Region im Radio-Gespräch
vorgestellt – mit vier Gesprächsöffnungen von drei bis vier Minuten.
Und sonntags wurde von 11 bis 13 Uhr ein
journalistischer Stammtisch gesendet,
eine Sendung, in der aktuelle Themen (Politik, Sport, Kultur, Wirtschaft, etc.)
mit drei bis vier Fachleuten diskutiert wurden. Pro Sende-Stunde vier
Gesprächs-Öffnungen von jeweils vier Minuten.
Donnerstags hatten wir eine spezielle Musik-Sendung,
in der auch Musical-Songs (oder andere, nicht alltägliche Songs aus dem
üblichen Radio- Musikwelt-Brei) präsentiert wurden.
Durchsetzt wurden diese Musical-Sendungen (zum Beispiel) zu aktuellen Inszenierungen mit
Interviews mit Schauspielern, Technikern, Musikern oder Regisseuren aus den
Theatern – entweder vom Stadttheater Heilbronn, von den Freilichtspielen
Schwäbisch Hall oder den Burgfestspielen Jagsthausen.
Wenn Sie in Ihrer launischen Rede uns als Voll-Deppen
dargestellt haben, die stundenlang mit ewig langen (Theater-)Sendungen die
Hörern gequält haben – ohne Komma und Punkt sozusagen - kurz gesagt: ohne professionelles Können -
dann ist das (so scheint mir) eine bewusst-beleidigend formulierte Bemerkung
zur Radio-Regional-Mannschaft von damals.
Ich weiß, Sie sind und waren ein Fan und Freund des
heutigen SWR-Staatsrundfunks (einst SDR oder SWF), des öffentlich-rechtliche
Rundfunks - als Mitglied der (ehemaligen
Volkspartei) SPD.
Und Sie sahen damals als glühender Lafontaine-Freund
und emotionaler Sympathisant des SED-ZKs
(im Jahre 1989) im privaten Rundfunk einen verkappten Agent des
wirtschaftlichen Kapitals in Deutschland. Ich erinnere mich sehr genau an
Gesprächen mit Ihnen.
Um das Bild aus dieser Zeit zu benutzen:
Heute sind Sie der wichtigste und politisch-mächtigste
Agent des deutschen Kapitals in unserer Stadt. Das ist wichtig. Und benötigt
ein stabiles und belastbares Werte-Gerüst. Gerade in unseren verwirrenden
Zeitläufen.
Wir kleine Provinz-Radio-Redakteure fühlten uns damals
jedoch nicht niemandes Knecht oder Sklave.
Für uns Redakteure galt damals der Hanns-Joachim-Friedrichs
-Satz als Credo: „Distanz halten, sich
nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in
öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben,
ohne kalt zu sein.“
Viele Journalisten haben diesen ehrenwerten Grundsatz
offenbar heutzutage vergessen.
Aber ich bin zuversichtlich – wir haben in Deutschland
wunderbare und ehrliche Journalisten, auf die ich mich in ihrem kritischen
Journalismus (seit Jahren schon) verlassen kann:
Henryk M.
Broder, Jan Fleischhauer, Constantin Schreiber, Stefan Aust, Hugo Müller-Vogg,
Ulf Poschardt, Jürgen Kaube, Gerhard Stadelmaier, Roland Tichy, Berthold
Kohler, Daniel Deckers, Don Alphanso, etc.
Um einige wichtige deutsche Journalisten zu nennen.
Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Dieter Ueckert
PS: Grundlage für unsere Arbeit bei Radio-Regional-Heilbronn war
der Leitfaden, den ich erarbeiten durfte. Siehe der Mail-Anhang.
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