Mittwoch, 29. Juni 2016

29.06.2016 - Luther-Fürze

Joseph Roth (jüdischer Katholik, Östereicher und Schriftsteller, Journalist) - 1925 über den "Sozialistenkongreß" in Marseille:
  
"Morgen beginnt hier der Sozialistenkongreß ... Mit Schillerkragen! Mit Aktentaschen! Mit Regenschirmen! Mit dicken Frauen auf Plattfüßen! Sie gehn ohne Hüte! Sie schwitzen. Sie stinken. Sie trinken Bier. Sie reden lauter als die vielen Orientalen ... Alle Sozialdemokraten sehen deutsch aus. Sogar die litauischen. Denn in Deutschland ist der Typus zu Hause: redlich, fleißig, biertrinkend, die Ordnung der Welt verbessernd. Ein Demokrat und sozial. ,Gerecht!' Hoffnung auf Evolution. Alles deutsch. Der Sehnsucht der deutschen Frau, auf Schuhen ohne Absätze durch ein Leben voller Tätigkeit zu marschieren, kommt der Sozialismus entgegen ... Fortwährend dampfend vor Tätigkeit, Geschwätz, Fortsetzung der Konferenzen am Abend im Café durch Gruppenbildung und lange Tische, Schrecken der Kellner..."

In seinen Briefe erklärt er seine Position als kulturkonservativen Individualisten und Ästheten, der über die "Amerikanisierung und Bolschewisierung Europas" klagt und es später "grauenhaft" fand, durch die Nazis "nach links abgedrängt zu werden".
 

Und an Stefan Zweig schrieb Roth: Gegen die Nazis, diese "Luther-Fürze" und "stinkenden Hyänen", sei "selbst mein alter Feind Tucholsky mein Waffenkamerad".

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